„Ich möchte mich immer wieder ausprobieren!“
Mit ihrem Humor und ihrer Wandelbarkeit hat Anja Fleischmann schon viele Menschen überrascht und begeistert. Knapp 30 Jahre war sie als Erzieherin in einem städtischen Kindergarten in Coburg tätig, bis sie vor ein paar Jahren den Drang nach Veränderung spürte. So ließ Anja ihre Festanstellung hinter sich und schuf sich ausreichend Zeit für kreative Projekte. Eines dieser Herzenssachen hat zwei Jahre in Anspruch genommen und durfte nun in diesen Wochen endlich in die Öffentlichkeit gelangen. Es ist ein Bilderbuch für Menschen von 2 bis 99 Jahren, das im Coburger Veste-Verlag erschienen ist: „Zu Besuch bei Familie von Fusselfuss“. Warum es ausgerechnet Fussel sind, die es der 55-jährigen Anja so angetan haben, das erzählt sie im persönlichen Gespräch.
Anja, nun verrate uns doch mal, warum dreht sich in deinem ersten Buch alles um Fussel?
Die Geschichte der Familie von Fusselfuss begann damit, dass meine kleine Enkelin Luise anfing, sich für die Fusseln zwischen ihren Zehen zu interessieren, so wie es wahrscheinlich fast alle kleinen neugierigen Kinder tun. Das brachte mich auf die Idee, ihr zu Weihnachten ein Buch zu basteln, in der die ganze Familie Fusseln spannend findet. Ich überlegte mir, wie die Familie heißt, wo sie wohnen … und fing zu basteln an. Als das Buch langsam Gestalt annahm, war eine meiner Freundinnen davon so begeistert, dass sie mich ermutigte, es auch der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Was ich dann auch tat (lächelt glücklich).
Hast du schon immer davon geträumt, ein Kinderbuch zu veröffentlichen?
Ja, der Wunsch schlummerte schon lange in mir. Mal mehr, mal weniger tief verborgen. Ich habe ja 29,8 Jahre, um genau zu sein, mit Kindern zusammen gearbeitet, das hat mich sehr inspiriert und zusätzlich kreativ beflügelt, ich bin ja an sich schon eine sehr phantasievolle Person (grinst). Die Gedanken und vielen Ideen vor der Familie Fusselfuss sind aber meist in meinem stillen Kämmerlein geblieben. Mit den Fusseln habe ich mich jetzt getraut, ein richtiges Buch zu kreieren. Und übrigens, weil du von einem Kinderbuch sprichst, es ist kein reines Buch für Kinder, es ist ein Bilderbuch für Menschen zwischen 2 und 99 Jahren, genauer gesagt, ein Mitwachsbilderbuch.
Das darfst du genauer erklären…
Ich wollte ein Buch haben, das nicht nur einmal angeschaut und gelesen wird, um dann für immer im Bücherregal zu verschwinden. Sondern es sollte sich viel mehr der Entwicklung des Kindes anpassen, sozusagen „mitwachsen“: mit verschiedenen Elementen für unterschiedliche Altersgruppen. Auf diese Weise ist ein Buch entstanden, das drei oder gar vier Generationen Freude bereitet. Also das hoffe ich jedenfalls (lacht herzlich). Weißt du, es regt einfach in jedem Alter die Phantasie an. Wer hat schließlich schon in seinem Leben mal eine Fussel-Galerie betrachtet?
Anja Fleischmann hat Fusseln liebevoll und voller Phantasie in Szene gesetzt
Da hast du wohl recht, einen Fussel habe ich sogar im Bauchnabel entdeckt…
Ja, auch da, im Umbilicus, das ist der lateinische Name dafür (lächelt), ich wollte ja auch Wissenswertes einbauen. Und dass sich auch dort im Bauchnabel manchmal Fusseln verstecken, weiß ich aus sicherer Quelle, denn Onkel Florian aus dem Buch gibt es auch in Wirklichkeit. Überhaupt habe ich an einigen Stellen Überraschendes einweben können. Aber an sich ist ja die Familie von Fusselfuss mit ihren übergroßen Füßen, die hinter einem hohen Berg versteckt in einem kleinen tiefen Tal lebt, schon spannend genug. Jeden Abend, bevor sie ins Bett gehen, erzählen sie sich, was sie am Tag erlebt haben. Wie es vielleicht dazu kam, dass sich ein Fussel zwischen den Zehen versteckt hat.
So lautet es im Buch. Dazu fragst du: Was hast du heute Schönes erlebt?
Ja, das Buch stellt diese Frage. Ich finde es unglaublich wichtig, mit Kindern ins Gespräch zu kommen, über den Tag, die Erlebnisse, Schwierigkeiten und Herausforderungen nachzudenken und ja, über das Schöne miteinander zu sprechen. Um mit einem positiven Gefühl gemeinsam den Tag zu beenden. Dass das dadurch gelingen kann, wird übrigens durch die Glücksforschung bestätigt.
Hast du alles im Buch tatsächlich selbst gestaltet?
Ja, ich habe alles selbst gebastelt (strahlt), es ist ein klassisches, handgefertigtes Bilderbuch geworden, das auch die Jüngsten anspricht. Seit jeher bin ich eine Basteltante, und so habe ich mich hingesetzt und mit sämtlichen Materialien, die mir so in die Finger kamen, geschnippelt, kreiert, geklebt. Ich war da ganz nachhaltig: Ich habe eine Wachstuchtischdecke zerschnitten, alte Tapeten- und Stoffreste verwendet, eine Netzstrumpfhose, sogar die alte Kittelschürze von meiner Oma. Übrigens habe ich alle Materialien im Buch aufgelistet, so das man als Detektiv auf Materialsuche gehen kann. Außerdem kann es als Anregung verstanden werden, selbst auch Freude daran zu entwickeln, mit ausrangierten scheinbar nutzlos gewordenen Dingen kreativ zu werden. Basteln ist toll, und auch der Begriff ist für mich nicht abwertend.
Nachhaltig gestalten: Anja hat ein Bilderbuch gebastelt, das auch schon die Kleinsten anspricht.
Als „Basteltante“ bastelst du dir auch dein Leben sehr kreativ, so erscheint es zumindest..
(lacht wieder herzlich). Ja, so kann man das sagen. Vor allem, wenn man bedenkt, dass Basteln auch ausprobieren bedeutet. Es ist der Prozess, der Freude bereiten soll. Und ja, du sprichst mich sicher auf meinen Wendepunkt im Leben an, als ich vor bald zwei Jahren meine Festanstellung an den Nagel gehängt habe. Das war kein leichter Schritt, aber einer, der für mich und mein Wohlbefinden dringend nötig war. Ich spürte einfach nach fast genau 30 Jahren als engagierte und leidenschaftliche Erzieherin, dass ich was verändern muss. Ich wollte mehr Zeit haben für all meine kreativen Projekte, ich wollte mich ausprobieren, so, wie ich das schon zuvor einmal in einem Sabbatical getan hatte. Ich möchte mich immer wieder ausprobieren, neugierig auf die Welt sein und auch Freude in die Welt bringen.
„Ich spürte, dass ich was verändern muss“
Was kitzelt denn da am Ohr? Anja ist eine lebensfrohe Person, die mit ihren fröhlichen Geschichten Freude in die Welt bringen möchte.
Das klingt sehr beeindruckend, du folgst wahrlich deinem Herzen und deiner Leidenschaft. Wie war das eigentlich bei der Buchentstehung, ist da alles auch so aus dem untrüglichen Bauchgefühl heraus entstanden?
Die Geschichte an sich schon, aber als das Buch fast fertig war, habe ich mir professionelle Unterstützung gesucht. Denn es ist ein riesiger Unterschied, ob ich für mein Enkelkind etwas gestalte, oder ob ich ein Buch herausgebe, das auf dem Markt bestehen soll. Zumal ich ja auch keinerlei Erfahrung in dem Bereich hatte (lacht).
Tolle Unterstützung habe ich erfahren durch Monika Liebermann, die mir als Coach entscheidende Hilfestellung bei der Strukturfindung des Buches gegeben hat, Susanne Rosenbauer, die als Fotografin meine gestalteten Seiten reproduziert und druckfähig gemacht hat, und auch durch meinen Schwager, Oliver Heß, der sich um die Typografie gekümmert hat. Diese Gemeinschaft zu erfahren, war wunderbar, alleine hätte ich das gar nicht geschafft! Hierfür bin ich unendlich dankbar.
Und du hast sogar gleich einen Verlag gefunden?
Das habe ich, und das ist die coolste Sache überhaupt. Elfriede Roßteutscher vom Veste-Verlag hat mir ihr Vertrauen geschenkt, und das Buch bei sich veröffentlicht. Das hat mich riesig gefreut, vor allem auch, weil mir Regionalität von Anfang an für mein Erstlingswerk sehr wichtig war.
Nun bin ich total happy und riesig stolz, dass die Abenteuer der Familie Fusselfuss hinaus in die Welt dürfen. Ich bin sicher, dass jeder eine eigene Fusselgeschichte hat. Was ist eigentlich deine? (schmunzelt)
Ein belesenes Team: Elfriede Roßteutscher veröffentlichte Anja Fleischmanns erstes Buch
Fotos: @Susa_Fotografie_Handwerk

„Zu Besuch bei Familie von Fusselfuss“, Veste-Verlag Roßteutscher, 18,90 €
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