„Wieder bei sich selbst ankommen“

Sie selbst hat mutige Pfade betreten, als sie sich vor 13 Jahren selbstständig machte. Jetzt hat Nicole Kollarsch ihr langjähriges Wissen und ihre Erfahrung als Heilpraktikerin für Psychotherapie in ein großes Herzensprojekt gesteckt: in ihre „Mutpfade“. Anmutend illustrierte Bücher mit Impulskärtchen zu verschiedenen Themen – von der Kindheit bis ins Erwachsenenleben – sollen dabei helfen, wieder in eine engere Verbindung mit sich selbst und auch seinem Gegenüber zu gelangen.

Nicole, worum geht es in deinen Mutpfade-Sets?

Meine Bücher mit den dazugehörigen Impulskärtchen sind aus meiner langjährigen therapeutischen Arbeit entstanden. Ich arbeite bei Kindern viel mit Geschichten, greife konkrete Momente aus dem Alltag auf. Daraus sind meine Mutpfade gewachsen. Es geht mir darum, wieder einen Zugang zu sich selbst zu finden, und nicht darum, etwas zu verändern oder gar zu optimieren. Und dabei ist es ganz egal, ob man ein Kind oder ein Erwachsener ist.

Du hast die Mutpfade gleichsam für Kinder und Erwachsene konzipiert?

Die Mutpfade sind so aufgebaut, dass sie unterschiedliche Lebensphasen ansprechen. Es gibt nicht das eine Set für alle. „Von Herz zu Herz“ richtet sich zum Beispiel an Eltern und ihr Baby nach der Geburt und begleitet diese erste gemeinsame Zeit. Mir war wichtig, dass Eltern hier Impulse bekommen – für sich, für ihre Beziehung und auch für ihr Baby.

„Mit leisen Schritten stark werden“ ist ein Vorlese- und Mitmachbuch für Kinder von etwa 3 bis 7 Jahren. Hier erleben sechs Tierkinder, dass sie ihre eigene Stärke bereits in sich tragen. Und mein neues Set „Dich begleiten“ richtet sich ausschließlich an Erwachsene und greift das Thema Prokrastination auf. Der Gedanke dahinter ist immer der gleiche: Dass Menschen, egal wie alt, wieder mehr bei sich selbst ankommen.

Kannst du diese Intention noch ein bisschen genauer beschreiben?

Es geht darum, ehrlich in sich hinein zu spüren, und sich nicht sofort selbst zu verurteilen. Gefühle dürfen einfach da sein, egal wie alt man ist. Wenn ein Kind etwa wütend ist, braucht es Eltern, die das mittragen können, ohne gleich einzugreifen oder zu maßregeln. So entsteht Co-Regulation und das Nervensystem kann sich beruhigen. Umgekehrt genauso: Wenn die Mama gestresst ist, darf auch das für das Kind sichtbar sein. Es erlebt die Mutter authentisch und lernt, dass auch sie mal eine Pause braucht. Perfekt ist niemand von uns.

Ob für große oder kleine Erdenbürger: Plüschtiere können dabei helfen, den Kontakt zu sich selbst leichter zu finden.

Wie ist eigentlich die Idee dazu entstanden?

Die Idee kam durch eine Mutter aus meiner Praxis, die mich immer wieder dazu ermutigt hat, all die Geschichten, die ich in meiner therapeutischen Arbeit erzähle, einmal für die Kinder aufzuschreiben. Dafür bin ich ihr heute sehr dankbar (lächelt zufrieden).

Und dazu gibt es Tiere, die für verschiedene Themen stehen?

Ja, in meinem Buch „Mit leisen Schritten stark werden“ sind es sechs Tierkinder.
Jedes Tier spiegelt dabei eine besondere Stärke, wie z. B. Lio der Löwe, der seinen Mut findet. Auch gibt es Gira, die hochsensible Giraffe oder Elio, den Elefanten, der seine Langsamkeit für sich entdeckt. Die Geschichten sollen Kinder ermutigen, an sich zu glauben und ihren eigenen Weg zu finden. Gleichzeitig bekommen Eltern ein Gefühl dafür, die Besonderheiten ihrer Kinder besser zu verstehen und anzunehmen. Manche Kinder sind eben laut, andere eher leise, aber alle brauchen Gehör.

„Es geht darum, ehrlich in sich hinein zu spüren“

Welche Rückmeldungen hast du bislang bekommen?

Schon viele schöne, ein Feedback jedoch hat mein Herz besonders erreicht: Eine Therapeutin aus der Schweiz, die bereits mit meinen „Mutpfaden“ arbeitet, hat mir berichtet, dass ein autistischer 10-jähriger Junge jetzt den Mut gefunden hat, alleine in die Schule zu laufen, weil er seinen Bauchlöwen gefunden hat (strahlt).

Impulskärtchen ergänzen die Mutpfade-Bücher. Ihre Materialien sind regional produziert und haben eine angenehme Haptik.

Blicken wir auf deine Arbeit als Therapeutin. Was ist hier dein Schwerpunkt?

Der Schwerpunkt meiner Arbeit ist systemisch, bindungs- und nervensystemorientiert. Das heißt, ich sehe Menschen immer im Zusammenhang mit ihren Beziehungen, ihrem Körper und ihrem Nervensystem. Für mich gehört das einfach zusammen. Dabei arbeite ich auch traumasensibel. Ich schaue nicht nur auf das, was im Hier und Jetzt sichtbar ist, sondern auch darauf, was im Nervensystem gespeichert ist und auch bis heute wirkt.

Ein wichtiger Teil meiner Arbeit ist Somatic Experiencing (SE)®, ein körperorientierter Ansatz, der dabei unterstützt, Stress und belastende Erfahrungen im Nervensystem zu verarbeiten.

Gibst du uns dazu noch etwas mehr Einblick?

Der Körper speichert Erfahrungen, auch die, die wir vielleicht damals nicht verarbeiten konnten. Er darf aber Schritt für Schritt lernen, dass etwas vorbei ist, und dass dann wieder mehr Sicherheit möglich ist. Das sind manchmal ganz einfache Dinge: Jemand merkt, ich darf mich abgrenzen, ich darf „Nein“ sagen oder eine Situation verlassen. Viele Reaktionen, die wir heute zeigen, haben einen frühen Ursprung. Wenn der Körper diese Zusammenhänge langsam verstehen und nachholen darf, entsteht oft spürbar mehr Entlastung. Und bei manchen Menschen zeigt sich das ganz konkret im Körper, wenn sich etwas löst, der Atem freier wird oder ein Druck nachlässt.

Wie gehst du in der Praxis vor?

Durch die Anamnese im Vorfeld kann ich viele Dinge schon einordnen. In der Therapie selbst arbeite ich sehr körper- und bindungsorientiert. Wir stehen auch mal auf, gehen ein Stück oder wechseln den Platz. Manchmal ist ein anderer Platz für das System eines Menschen viel sicherer als der zuerst gewählte. Durch ein gezieltes Hinspüren kann das Nervensystem durch einen Platzwechsel schon sehr viel Sicherheit erfahren. Ich arbeite übrigens auch gerne mit meinem Plüschtier-Zoo (lächelt). Und tatsächlich sind es oft die Erwachsenen, die dann ein Tier ganz lange halten. Dann zeigt sich wieder, wie wichtig der Kontakt zu sich selbst ist.

Arbeit in Bewegung: Manchmal entstehen genau hierbei neue Erfahrungen.

Du sagtest, du arbeitest auch traumasensibel?

Viele unserer heutigen Reaktionen haben ihren Ursprung in frühen Erfahrungen aus der Kindheit. Mich berührt immer wieder, wie stark uns frühe Erfahrungen beeinflussen können, ohne dass wir es bewusst wahrnehmen. Manche Menschen spüren solche Zusammenhänge schon, bei anderen darf sich das erst nach und nach zeigen. Es gibt Menschen mit einer hohen Resilienz, die belastende Erfahrungen leichter verarbeiten können. Andere geraten schneller ins Wanken.

Kannst du noch etwas mehr Einblick geben in deine Arbeit mit Somatic Experiencing (SE)®?

Bei Somatic Experiencing (SE)® arbeiten wir viel mit Körperempfindungen. Wenn du zum Beispiel Angst im Bauch spürst, dann frage ich: Wie fühlt sich das genau an? Ist da Druck, Enge oder hast du vielleicht ein Bild dazu? Wie sieht dieses aus? Wie ein Stein? Oder etwas anderes? Wir nähern uns gemeinsam diesem Empfinden an, ganz langsam. Und wir gehen auch immer wieder ein Stück raus, damit das Nervensystem nicht überfordert wird. Dieses Hin- und Herpendeln ist ein wichtiger Teil der Arbeit, um Festsitzendes so nach und nach verarbeiten zu können.

Was ist mit positiven Empfindungen?

Die binde ich auch mit ein (lächelt). Das ist ein wichtiger Teil meiner Arbeit. Ich arbeite viel mit Ressourcen, also mit Dingen, die sich im Körper gut und stabil anfühlen. Das kann etwas ganz Einfaches sein, ein Gedanke, ein Moment oder Geruch. Wenn du z. B. an Yoga denkst, dann wirst du vielleicht leicht, oder wenn du Kaffee riechst, hast du eine positive Assoziation.

Wichtig ist dabei ein achtsames und langsames Arbeiten. Der Körper soll Schritt für Schritt lernen, dass die belastende Erfahrung vorbei ist und wieder mehr Sicherheit und Stabilität möglich wird.

Impulse für ein gutes Bauchgefühl: Es ist wichtig, auf die Signale des Körpers zu achten

Muss das mögliche Trauma noch einmal gefühlt werden?

Nein, es geht nicht darum, das Trauma noch einmal vollständig zu durchleben. Es geht darum, zu „erfahren“, welche Impulse der Körper vielleicht nicht ausführen konnte. Wie etwa Abgrenzung, weggehen oder eine andere Bewegung, die vielleicht nötig gewesen wäre.
Ich gebe meinen Klienten und Klientinnen dafür einen geschützten Raum, diese Erfahrungen nachzuholen und so kann oft eine spürbare Entlastung entstehen.

Das klingt nicht ganz einfach, sich selbst so zu begegnen…

Es ist oft einfacher, als es im ersten Moment klingt. Und es geht ja nicht darum, etwas „richtig“ zu machen. Wichtig ist, dass man bereit ist, in sich hinein zu spüren. Wir Menschen sind es gewohnt, über unsere Gedanken zu funktionieren und verlieren dabei oft den Kontakt zu unserem Körper. Manchmal frage ich dann so einfache Dinge wie: Wo spürst du gerade deinen Körper am Sessel aufliegen? Wie spürst du den Boden unter deinen Füßen?

Der Kontakt darf wieder ganz behutsam entstehen. Es ist ein Ausprobieren und Rantasten. Und so bekommt unser Körper die Möglichkeit, Sicherheit wieder wahrzunehmen um die Anspannung Stück für Stück loszulassen.

Farbige Sessel laden ein, im Therapieraum von Nicole Kollarsch Platz zu nehmen. Gerne kann während des Gesprächs der Platz auch mal gewechselt werden, um eine andere Perspektive einzunehmen.

Wie begann eigentlich deine eigene Reise in die Welt der Psychotherapie?

Das hat vor vielen Jahren begonnen, als ich selbst auf der Suche nach Antworten war.

Ich bin ursprünglich Arzthelferin und habe eine Zeit lang im Beschwerdemanagement in einer Klinik gearbeitet. Irgendwann habe ich gemerkt, dass mich das nicht mehr erfüllt, und ich etwas verändern möchte. Im privaten Umfeld habe ich immer wieder erlebt, wie Menschen mit emotionalen Belastungen alleine waren und oft keinen passenden Raum hatten, um darüber zu sprechen. Das hat mich sehr beschäftigt. Und daraus ist nach und nach mein Weg entstanden, Menschen genau diesen Raum zu geben.

Innige Verbindung: Beim Kuscheln und Spaziergehen mit Sky hat Nicole oft die besten Ideen für weitere Projekte

„Mein Tag müsste 48 Stunden haben“

Schauen wir nochmal auf dein Herzensprojekt, die Mutpfade. Woher hast du eigentlich alle deine Ideen dazu genommen?

Viele Geschichten entstehen direkt in meiner therapeutischen Arbeit. Sie kommen oft einfach, ohne dass ich lange darüber nachdenken muss (schmunzelt). Viele Ideen kommen mir auch beim Laufen mit meinen Hunden. Und manchmal kann es passieren, dass ich in meinem Bett liege, und es spukt mir was im Kopf herum, dann muss ich gleich aufstehen und es mir aufschreiben (lacht). Ach, ich habe noch so viele Ideen und so viel vor, mein Tag müsste 48 Stunden haben.

Ganz neu in der „Mutpfade“-Familie: Dieses Karten-Set zum Thema Prokrastination soll Erwachsenen Impulse geben, sich ganz ohne Druck persönlich entfalten zu können.

Zum Abschluss möchte ich gerne noch wissen: Wie läuft die Kontaktaufnahme für eine Therapie bei dir ab?

Meist beginnt es mit einem Telefonat. Dabei schildert mir die Person kurz, was sie gerade belastet oder weshalb sie Unterstützung braucht. Oft ist das Anliegen noch gar nicht ganz klar. Das entwickelt sich häufig erst im Gespräch. Wenn wir beide das Gefühl haben, dass eine Zusammenarbeit sinnvoll sein könnte, vereinbaren wir einen Termin für eine ausführliche Erstanamnese in meiner Praxis. In diesem Gespräch geht es darum, die aktuelle Situation besser zu verstehen und auch zu schauen, ob die Zusammenarbeit für beide Seiten stimmig ist.

Fotos: @juleanicaohlsenfotografie

schoen.frau-Steckbrief

Nicole Kollarsch

Geburtstag: 15.01.1979

Wohnort: Rödental

Ausbildung/Beruf: Heilpraktikerin für Psychotherapie

Gründung des eigenen Unternehmens: 13.07.2013

Was macht dich glücklich? Familie, Lesen, Laufen gehen mit den Hunden, Schokolade

Dieses Interview führte Christina, die während des Interviews von Nicole ermutigt wurde, einmal den Sitzplatz zu wechseln, um zu spüren, in welchem Sessel sie sich am wohlsten fühle. Es blieb dann beim roséfarbenen mit Blick zum Gartenfenster, den sie intuitiv gleich zu Beginn gewählt hatte.

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